Du kennst deine Tageszahl. Der Rechner hat sie ausgespuckt, du hast sie im Kopf oder auf einem Zettel. Dann kommt der Alltag: morgens Kaffee und ein Brötchen, mittags eine Suppe in der Kantine, abends die große Portion Fleisch, mit der du den Rest aufholst.
Die Summe stimmt am Ende vielleicht. Die Verteilung stimmt nicht. Und die Verteilung ist die Zahl, die dir kein Proteinrechner nennt, weil er nur den Tag kennt und nicht den einzelnen Teller.
Warum der Tagesbedarf nur die halbe Antwort ist
Dein Körper führt kein Tageskonto für Eiweiß. Er reagiert auf jede Mahlzeit einzeln. Nach dem Essen steigt der Aufbau von Muskeleiweiß an, Fachleute nennen das Muskelproteinsynthese, und fällt danach wieder ab.
Entscheidend ist, ob die einzelne Mahlzeit genug Eiweiß liefert, um diese Reaktion voll auszulösen. Liegt sie darunter, fällt die Antwort kleiner aus. Liegt sie weit darüber, bringt der Überschuss dem Muskel wenig zusätzlich.
Daraus folgt eine unbequeme Rechnung. Drei Mahlzeiten mit 8, 12 und 70 g Eiweiß ergeben zwar 90 g am Tag. Zwei davon liegen aber unter der Schwelle, und die dritte liegt weit über der Decke. Was zählt, ist die Zahl je Mahlzeit.
Wie viel Eiweiß pro Mahlzeit reicht aus?
Die Antwort hängt vom Körpergewicht ab und, nach allem was vorliegt, vom Alter. Bei jungen Männern erreicht die Muskelproteinsynthese ihr Plateau ab etwa 0,24 g Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht pro Mahlzeit. Bei alten Männern erst ab etwa 0,40 g/kg.
Die Zahlen stammen aus einer Auswertung von Moore und Kollegen aus dem Jahr 2015. Sie haben mehrere eigene Infusionsstudien rückblickend zusammengefasst und geschaut, ab welcher Menge die Kurve flach wird. Die Streuung war groß: 0,24 plus/minus 0,06 g/kg bei den Jungen, 0,40 plus/minus 0,19 g/kg bei den Alten.
Bezogen auf die fettfreie Masse, also den Körper ohne seinen Fettanteil, lag die Schwelle bei 0,25 g/kg gegen 0,60 g/kg. Diese Rechnung war statistisch eindeutig, mit p kleiner als 0,01.
Praktisch heißt das: Ein älterer Mann braucht je Mahlzeit deutlich mehr Eiweiß als ein junger, um dieselbe Reaktion im Muskel zu erreichen. Nicht am Tag, sondern pro Teller.
Warum der Körper ab einem Punkt nicht mehr reagiert
Die Muskelproteinsynthese hat eine Schwelle und eine Decke. Unter der Schwelle springt sie nicht richtig an. Über der Decke steigt sie nicht weiter, auch wenn du nachlegst.
Als Auslöser gilt vor allem die Aminosäure Leucin. Sie steckt reichlich in tierischem Eiweiß, in vielen pflanzlichen Quellen weniger. Eine Grammzahl für Leucin liefert die hier verwendete Studie nicht. Deshalb steht hier auch keine.
Interessant ist ein Nebenbefund der Auswertung. Im Ruhezustand, also ohne Mahlzeit, unterschied sich die Muskelproteinsynthese zwischen Jungen und Alten nicht, p = 0,53. Der Motor läuft im Leerlauf gleich. Er braucht im Alter nur mehr Gas, um hochzudrehen.
Das passt zu dem, was im Ratgeber Muskelaufbau ab 40 steht: Das Essen liefert das Material, das Training den Reiz. Ohne den Reiz bleibt auch die beste Verteilung Theorie.
Was die Studie nicht zeigt
Jetzt der Teil, den die meisten Ratgeber weglassen. Die älteren Teilnehmer waren im Mittel 71 Jahre alt, die jungen 22. Für einen Mann um die 45 gibt es in dieser Auswertung keinen eigenen Wert. Niemand weiß aus diesen Daten, ob du näher an 0,24 oder näher an 0,40 liegst.
Wer dir die 0,40 g/kg als Zahl für 45-Jährige verkauft, hat die Studie nicht gelesen oder verschweigt etwas. Die 0,40 sind ein Wert für Männer über 70.
Zweitens: Es war eine rückblickende Zusammenfassung eigener Daten, kein Versuch, der für genau diese Frage geplant wurde. Das ist legitim, aber es ist eine schwächere Form von Beleg als ein geplanter Vergleich.
Drittens, und das wird fast immer unterschlagen: Die beiden Körpergewichts-Zahlen 0,24 gegen 0,40 g/kg haben die Signifikanzschwelle knapp verfehlt, mit p = 0,055. Statistisch eindeutig ist nur der Unterschied bezogen auf die fettfreie Masse, 0,25 gegen 0,60 g/kg. Wer mit 0,24 und 0,40 rechnet, rechnet mit den schwächer belegten Zahlen. Das tun fast alle, weil kaum jemand seine fettfreie Masse kennt.
Viertens: Gemessen wurde eine Rate im Muskel über wenige Stunden, nicht der Zuwachs an Muskelmasse über Monate. Ob eine höhere Rate je Mahlzeit nach einem Jahr mehr Muskel bedeutet, beantwortet diese Studie nicht.
Wie viel Eiweiß steckt in einer normalen Portion?
Damit du die Schwelle einordnen kannst, brauchst du Zahlen vom Teller. Die Werte sind Richtwerte aus Nährwerttabellen. Je nach Produkt schwanken sie um ein bis zwei Gramm.
| Lebensmittel | Eiweiß je 100 g | Übliche Portion | Eiweiß je Portion | |---|---|---|---| | Hähnchenbrust, roh | 23 g | 150 g | 35 g | | Rinderhüftsteak, roh | 21 g | 180 g | 38 g | | Lachsfilet, roh | 20 g | 150 g | 30 g | | Thunfisch aus der Dose, abgetropft | 24 g | 120 g | 29 g | | Magerquark | 12 g | 250 g | 30 g | | Skyr | 11 g | 250 g | 28 g | | Hüttenkäse | 12 g | 200 g | 24 g | | Eier | 13 g | 3 Stück, rund 170 g | 22 g | | Tofu, fest | 15 g | 200 g | 30 g | | Linsen, gekocht | 9 g | 200 g | 18 g |
Auffällig ist die Verteilung. Eine Portion Fleisch oder Fisch liegt bei 30 bis 38 g. Ein Milchprodukt schafft das nur in der großen 250-g-Packung. Ein Brötchen mit Käse oder ein Müsli mit Milch bleibt meist bei 10 bis 15 g.
Mehr Quellen und Mengen findest du im Ratgeber proteinreiche Lebensmittel. Welches Milchprodukt am meisten liefert, steht im Vergleich Magerquark, Skyr und Hüttenkäse.
Das Rechenbeispiel: 85 kg, Büroarbeit
Nimm einen Mann mit 85 kg, 45 Jahre, sitzende Arbeit, zwei Trainingseinheiten pro Woche. Seinen Tagesbedarf holt er sich aus dem Proteinrechner. Hier geht es nur um die einzelne Mahlzeit.
Nach dem Wert für junge Männer: 85 kg mal 0,24 g ergibt 20 g je Mahlzeit. Nach dem Wert für alte Männer: 85 kg mal 0,40 g ergibt 34 g je Mahlzeit. Irgendwo dazwischen liegt er wahrscheinlich, und wo genau, sagt keine Studie.
Rechnung über die fettfreie Masse, mit der Annahme von 25 % Körperfett: 85 kg minus 21 kg Fett ergibt rund 64 kg fettfreie Masse. Daraus folgen 64 mal 0,25 gleich 16 g nach dem jungen Wert und 64 mal 0,60 gleich 38 g nach dem alten Wert.
Die Spanne ist breit, 16 bis 38 g, und sie zeigt das Problem ehrlich. Wer nicht raten will, orientiert sich am oberen Ende: rund 30 bis 35 g je Hauptmahlzeit. Nicht weil die 0,40 für ihn bewiesen wären, sondern weil zu wenig die Reaktion drosselt und zu viel nur ungenutzt bleibt. Das sind 150 g Hähnchenbrust oder 250 g Magerquark, keine Heldentat.
Bei seinem Alltag sieht das so aus: Frühstück mit 250 g Magerquark und Obst, 30 g. Mittags 150 g Hähnchen im Salat, 35 g. Abends 150 g Lachs mit Gemüse, 30 g. Macht 95 g am Tag, verteilt auf drei Teller, jeder über der 30-g-Marke.
Zum Vergleich das typische Muster: Brötchen mit Butter 6 g, Suppe mittags 8 g, 300 g Steak abends 63 g. Auch 77 g am Tag, aber zwei von drei Mahlzeiten liegen unter 20 g. Das Steak allein holt die Verteilung nicht zurück.
Wie du die Mengen morgen auf den Teller bringst
Fang beim Frühstück an, dort ist die Lücke am größten. Drei Eier bringen 22 g, mit 100 g Hüttenkäse dazu bist du bei 34 g. Wer morgens keine Zeit hat, backt am Vorabend ein Ofen-Omelett mit Lachs, Spinat und Mozzarella und nimmt es kalt mit.
Mittags ist der Bürojob das Problem, nicht das Wissen. Ein Salat ohne Fleisch oder Fisch bleibt unter 10 g. Ein Hähnchenbrust-Salat mit Avocado und Kirschtomaten, am Vorabend gemacht, löst das. Eine Dose Thunfisch in der Schreibtischschublade sichert 29 g, ganz ohne Kühlschrank.
Abends musst du meist nichts ändern, außer weniger aufzuholen. Stehen die ersten beiden Mahlzeiten, reichen 150 bis 180 g Fleisch oder Fisch, etwa beim Rinderhüftsteak mit Bratkartoffeln und Grillgemüse. Weitere Rezepte mit hohem Eiweißanteil stehen in der Auswahl viel Eiweiß, die schnellen für den Wochentag in der Auswahl schnell.
Wenn du nur eine Sache änderst, dann diese: Zähle eine Woche lang bei jeder Mahlzeit grob mit. Nicht auf das Gramm, sondern auf die Frage, ob der Teller über 30 g liegt. Meist fällt das Frühstück durch, und genau da liegt der größte Hebel.
Muss es immer Fleisch sein?
Nein, aber pflanzliche Quellen brauchen größere Portionen. 200 g gekochte Linsen liefern 18 g, 200 g fester Tofu 30 g. Wer ohne Fleisch kochen will, kombiniert am besten mit Eiern oder Milchprodukten, so wie beim Zucchini-Omelette mit Ziegenkäse und Rucola. Weitere Ideen stehen in der Auswahl ohne Fleisch.
Fisch ist die zweite unterschätzte Quelle. Räucherlachs-Wraps mit Ei, Gouda und Spinat verbinden drei Eiweißquellen in einer Mahlzeit, und eine Pasta mit Thunfisch und pikanter Tomatensoße passt auch an einen Abend, an dem sonst nur Nudeln mit Soße auf dem Tisch stünden.
Wie viele Mahlzeiten und in welchem Abstand?
Die Studie beantwortet das nicht, sie schaut nur auf die einzelne Mahlzeit. Aus der Logik der Schwelle folgt aber: Drei Mahlzeiten über der Schwelle bringen mehr als sechs kleine darunter. Wer seinen Tagesbedarf auf drei bis vier Teller verteilt, landet bei Portionen von 25 bis 40 g, und die sind mit normalem Essen machbar.
Der genaue Zeitpunkt rund um das Training ist weniger wichtig, als lange behauptet wurde. Warum, steht im Artikel Das anabole Fenster gibt es nicht.
Kostet das mehr?
Nicht zwingend. Die größte Änderung ist keine Mengenfrage, sondern eine Verlagerung: weniger Fleisch am Abend, mehr Eiweiß am Morgen und Mittag. Die günstigen Quellen heißen Magerquark, Eier, Dosenthunfisch und Linsen. Konkrete Preise nennen wir hier nicht, sie schwanken zwischen Discounter und Metzger zu stark, als dass eine Zahl etwas taugen würde.
Was du mitnehmen kannst
- Der Tagesbedarf ist die erste Zahl, die Menge je Mahlzeit die zweite. Beide zählen.
- Belegt ist eine Schwelle von etwa 0,24 g/kg bei 22-Jährigen und 0,40 g/kg bei 71-Jährigen. Für 45 gibt es keinen eigenen Wert.
- Wer nicht raten will, zielt auf rund 30 g je Hauptmahlzeit. Das ist eine normale Portion Fleisch, Fisch oder 250 g Quark.
- Die Lücke sitzt fast immer beim Frühstück und beim Mittagessen, nicht beim Abendessen.
Quelle: Moore DR et al. Protein ingestion to stimulate myofibrillar protein synthesis requires greater relative protein intakes in healthy older versus younger men. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2015;70(1):57-62. PMID 25056502.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und kein medizinischer Rat.